Von alten Äpfeln und reisenden Vögeln oder Nach uns die Sintflut

Herbst, strahlender Sonnenschein, kein Anzeichen einer nahenden Sintflut. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Warum sonst werden überall Archen gebaut?

Die Arche Noah für den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt, die Arche des Geschmacks oder andere Organisationen, die unter anderen Namen die gleichen Ziele haben, nämlich das Überleben der verschiedenen Arten auf diesem Planeten zu sichern…

Die Antwort ist die: Die moderne Sintflut hat schon längst begonnen. Bei strahlendem Sonnenschein. Im Unterschied zum Getöse der letzten Sintflut, verhält sich diese hier eher unauffällig und arbeitet langsam. Sie arbeitet sich langsam vor, von Apfelsorte, zu Apfelsorte, nimmt die ganzen alten Gemüsesorten gemächlich in ihre Fluten auf und schleicht sich unauffällig in die oberste Chefetage, wo sie versucht, sich in Gesetzen zu manifestieren und mit unsinnigen Saatgutverodnungen den Rückgang der Biodiversität zu zementieren.

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Schließlich macht sie sich daran, unsere Geschmacksnerven derartig zu bearbeiten, dass wir den Verlust der Vielfalt noch nicht einmal bemerken. Im Gegenteil, wir greifen immer wieder zielstrebig nach der Pink Lady, der fetten rosa Apfeldame, auf die wir uns verlassen können: Sie wird nicht mehlig. Eigens, um dies zu garantieren, wurde sie in den 80er Jahren in Australien gezüchtet. Jetzt ist sie auch bei uns zu finden und egal ob in Paris, Amsterdam oder Berlin, eines ist sicher. Sie schmeckt überall genau gleich und natürlich: Sie wird nicht mehlig.

Dieses Pink Lady-Syndrom ist ein einfältiger aber ganz besonders wirksamer Agent der modernen Sintflut.

Bei Regine Scholz-Berg und Thomas Berg gibt es keine pinken Ladies. Sie sitzen auf einer Art Arche in Brandenburg, auf dem Linumer Landhof, und wir haben sie besucht. Ihre Streuobstwiese trägt alte Apfelsorten, die man in keinem Supermarkt mehr finden kann, darunter Goldpamäne, Kaiser Wilhelm, Prinz Albrecht und Glockenapfel.

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Regine und Thomas sind nach der Wende nach Linum aufs Land gezogen. Zuerst hatten sie nur einen kleinen Garten. Auf dem Nachbargrundstück gab es eine herrliche Streuobstwiese. Zu dieser Zeit gab es Prämien für jeden Baum, der gefällt wurde, weil die Regierung die Überschussproduktion eindämmen wollte. Ein Stich in Regines Bioherz. Sie wollte die Bäume retten, das Massaker in ihrer Nachbarschaft verhindern! So kauften sie das Stück Land mit der Streuobstwiese und mit einem Schlag hatten sie 800 Apfelbäume der verschiedensten Sorten. Aber was damit tun? Ökonomische Gedanken spielten bei dem Wiesenerwerb ja zunächst gar keine Rolle.

In einem ersten Schritt hauchten sie den knorrigen Bäumen wieder Leben ein. Sie nahmen eine Revitalisierung durch Baumbeschneidung vor. Dann kam die erste Ernte, die ausgezeichnet lief. Sie begannen Apfelsaft zu produzieren. Pure Apfelsäfte, aus jeweils nur einer Apfelsorte. Die Überraschung war groß. Wie kann es denn sein, dass ein Saft spritzig-sauer ist und ein anderer fast wie Birne schmeckt? Was sind das für Früchte? Tatsächlich: Es sind alles Äpfel.

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Inzwischen gibt es auf dem Linumer Landhof eine richtige Lohnmosterei und auch eine Apfeluniversität. Den Brandenburgern und Berlinern werden ihre alten preußischen Äpfel wieder näher gebracht, es wird ihnen hier gezeigt, was diese Apfelbäume bedeuten. Jeder mit diesem Wissen und diesen authentischen Geschmäckern im Mund betritt automatisch eine Arche. Jeder seine ganz persönliche. Verstand und Gaumen arbeiten jetzt zusammen, zur Pink Lady wird man erstmal nicht mehr so schnell greifen.

Es gibt mehr als nur 10 Argumente für Biodiversität. Artenvielfalt ist unabdingbar für die Gesundheit und das Überleben der Natur und also auch der Zivilisation, ein Gedankenschritt, der wohl all zu oft vergessen zu tun wird, vor allem in der obersten Chefetage. Aber auch ökonomisch und politisch gesehen kann Biodiversität in der Landwirtschaft zu einem wertvollen Faktor werden. Seltene und regionale Sorten können beispielweise die Unabhängigkeit von den zehn großen Agrochemiekonzernen wie Montsano & co herstellen, die den weltweiten Saatgutmarkt heute massiv dominieren. Nischenäpfel wie Kaiser Wilhelm schützen auch vor russischen Monarchen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Apfelkollegen von Regine und Thomas ist Putins Importsperre völlig spurlos am Linumer Hof vorbei gegangen.

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Auf dem Weg von der Mosterei zur Apfelwiese passierte etwas merkwürdiges. Ein Kreischen am Himmel, der Himmel voll von Kreischen. Kraniche flogen über unsere Köpfe hinweg. Schönste Formationen, kräftige Flügelschläge, immer neue riesige Vögel. Regine erklärt uns, dass die Kraniche Linum lieben. Sie kommen jedes Jahr auf ihrem Weg nach Afrika vorbei. Linum ist die ideale Abstiege für sie, wegen des nahegelegenen alten Torfabbaugebietes, das nach der Stilllegung überschwemmt wurde. In den knietiefen weiten Wasserflächen können die Vögel ausgezeichnet schlafen. Ein praktischer Mechanismus der Natur, denn so hören sie, wenn sich Feinde anschleichen.

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Wir verlieren uns im Anblick der Kranichkapriolen. Ein Schauspiel der Natur. In die Geräusche und Bewegungen der Vögel eingehüllt kommen mir Gedanken der Flucht in den Sinn. Verlassen die Kraniche gerade das sinkende Schiff? Oder vielmehr: Sind sie gerade auf dem Weg zu einer Arche? Nein, das kann nicht sein, die Reisen der Zugvögel sind eine uralte Angelegenheit und haben nichts mit der modernen Sintflut zu tun. Wie beruhigend.

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Als wir unsere Blicke vom Himmel reißen, ist es dunkel und wir schaffen es nicht mehr Bilder von der schönen Streuobstwiese zu machen. Umso mehr Grund, einmal selber zum Linumer Landhof zu fahren, um sich ein Bild zu machen und in saure und süße Äpfel zu beißen. Es lohnt sich.

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Kommentare

  1. Liebe Theresa, vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag! Ich bin absolut begeistert und werde an den schönen und informativen Besuch mit Veronica, Laure und Sandra bei Regine Scholz-Berg auf dem Linumer Landhof erinnert. Der Saft ist kööööstlich und jeden Cent wert. Regine habe ich als sehr kompetente und warmherzige Frau erlebt, die ganz in ihrem Element ist. Ich kann nur jedem einen Besuch dort empfehlen, denn Linum ist sowieso sehr sehenswert!

    Viele Grüße von Susanne
    (die sich auf weitere Beiträge von dir freut)

    • La Colmena que dice SI

      Danke Susanne! Bei solchen inspirierenden Persönlichkeiten flutschen die Artikel nur so!… 🙂
      Bis bald bei der nächsten Food Assembly!

  2. Schön zu lesen, dass es da draußen Menschen gibt, die sich so liebevoll dem Erhalt heimischer Obstallmenden widmen. Dein Monsanto-Link ist leider nicht mehr aktuell. Sehr passend zum Thema Äpfel und eine Dokumentation, die an „Monsanto – mit Gift und Genen“ anknüpft, ist die Doku „Unser täglich Gift“. Wenn es um Äpfel geht, stolpern wir im Supermarkt immer wieder über das Produktionsland Frankreich…aber auch auf anderem Gebiet haben unsere Nachbarn die Nase vorn…

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