Vom Irrsinn der Hochleistungs-Landwirtschaft

Die moderne Landwirtschaft ist hocheffizient – sagen ihre Befürworter. Die Journalistin Tanja Busse hat recherchiert und kommt in ihrem aktuellen Buch zu einem ganz anderen Ergebnis. „Die Wegwerfkuh“ – eine Besprechung.

In jedem Jahr, zeitgleich zur Grünen Woche, demonstrieren in Berlin mehr und mehr Menschen für eine andere, bessere Landwirtschaft. Diesmal, am 17. Januar 2015, waren es bereits 50.000 Städterinnen, Bäuerinnen, Natur- und Umweltschützer, Bäckerinnen, Köche, Stadtgärtnerinnen und Imker. Menschen aus allen Himmelsrichtungen.

Am Rande gab es nun erstmals eine kleine Gegenkundgebung von Bäuerinnen und Bauern, die sich offensichtlich durch die Losung der Demo („Wir haben es satt!“), provoziert fühlten. Ihre Forderung: Man solle endlich mit „den Bauern“ reden, statt gegen sie demonstrieren.

Genau das macht Tanja Busse in ihrem neuen Buch „Die Wegwerfkuh“, sie redet mit den Landwirtinnen und Landwirten. Gleich am Beginn ihres Buches richtet sie ein offenes Wort an sie. Busse ist eine der kundigsten Agrarjournalistinnen in Deutschland, was zahlreiche Bücher und Artikel, Vorträge, Fernseh- und Radiobeiträge belegen. Und sie kommt selbst vom Bauernhof. Fehlenden „Stallgeruch“ oder mangelnde Sachkenntnis kann man ihr kaum vorwerfen.

Die Autorin nimmt die „moderne Landwirtschaft“, wie ihre Verfechter sie gerne nennen, beim Wort, bei ihrem Zauberwort. Es heißt „Effizienz“. Diese sei nötig, damit die Betriebe ausreichend Ertrag erwirtschaften können, um die Landwirte zu ernähren; sie sei nötig, damit der Export von Agrargütern auf den globalen Märkten mithalten könne; damit die deutsche Landwirtschaft die Welt mit künftig noch mehr Menschen satt machen könne; damit…

Am Beispiel der Milchwirtschaft zeigt Busse detailliert, dass die industrielle Landwirtschaft tatsächlich alles andere als effizient arbeitet. Die Autorin schildert den Fall eines kleinen Kalbes, das, wie üblich, der Mutter direkt nach der Geburt weggenommen wird, da ja die Milch für den Verkauf bestimmt ist. Das verlangt die Effizient. Das Kalb ist schwach und kränkelt, muss mit teurem Milchersatz und Medikamenten aufwändig gepäppelt werden. Zeit ist Geld. Außerdem hat es das Pech, dass es ein Männchen, ein Bulle ist. Diese sind im effizienten System zu kaum etwas nütze, sie geben weder Milch noch liefern sie schnell genug Fleisch, eigentlich müsste man sie möglichst rasch loswerden, aber der Schlachter zahlt nichts für Bullenkälbchen. Sie sind wertlos. Das Kalb droht zum Wegwerfkalb zu werden, wie so viele.

In Australien mit seiner erbarmungslosen (weltmarktfähigen) Hochleistungslandwirtschaft werden diese männlichen Kälbchen zu vielen Hunderttausenden im Jahr „entsorgt“, erklärt Busse. Ist kein Schlachthof in der Nähe, werden sie direkt am Hof getötet, zur Not auch mit dem Hammer. Das ist effizient. In Deutschland gibt es den Tierschutz und, wenn es sein muss, die Staatsanwaltschaft – und die Berufsehre der Bauern, zum Glück!

Busse arbeitet sich exakt an diesem schmalen Grat entlang weiter und weiter hinein in das System: dem Berufsethos und der Leistungsbereitschaft der Landwirte, den absurden wirtschaftlichen Erfolgsversprechen der Agrarindustrie, den tatsächlichen Gegebenheiten, die voller Widersprüche und kaum zu bewältigender Probleme sind und alles andere als effizient. Busse besucht Höfe, spricht ausführlich mit Landwirten, fragt hartnäckig nach bei Verbänden, Herstellern, Beratern und Lobby-Vertretern.

Die „moderne Landwirtschaft“ entpuppt sich als erschreckend ineffiziente, gigantische Verschwendungsmaschinerie. Sie verheizt die Tiere, die Bauern die Ressourcen und die Umwelt. Getrieben vom Leistungswahn, blinder Technikgläubigkeit, der Profitgier der Konzerne und der Handelsketten.

Die Wegwerfkuh lebt in einer Milchwirtschaft, welche die Tiere binnen kürzester Frist zu Höchstleistungen zwingt, aber ebenso schnell, nach zwei bis drei Laktationen, wieder aussondert und „wegwirft“. Hochgezüchtete Turbo-Tiere erleiden im System binnen kürzester Frist förmlich einen Burn-out. Was Tanja Busse hier so erschreckend anschaulich schildert, ist der reine Irrsinn. Die Wegwerfkuh ist „Kollateralschaden“ und Symbol einer fehlgeleiteten Agrarwirtschaft zugleich.

Die Autorin nimmt immer wieder Anteil und fragt, wie es den Bauern und Bäuerinnen ergeht in diesem System. Was macht es mit den Menschen, so zu wirtschaften? Wieso machen die das mit? Denen, die nicht schon längst auf der Stecke geblieben sind, weil ihre Betriebe dem „Strukturwandel“ zum Opfer gefallen sind, bescheinigt die Autorin teils eine naive Technikgläubigkeit; der fatale Glaube, Technik und technologische Innovation könnten die Probleme lösen. Dann die Alternativlosigkeit, mit der die Hochleistungslandwirtschaft von den Offiziellen, auch einem Teil der Politik, gepredigt wird. „Wachse oder weiche“, hieß es vor Jahren beim Bauernverband. (Heute sagt das niemand mehr; es klingt einfach zu zynisch.) Die hohe Verschuldung der Betriebe; Schulden, die in der Hoffnung aufgenommen wurden, im Wettbewerb bestehen zu können, und die im Leben nicht rückzahlbar sind, somit noch an die Kinder weitergegeben werden. Und nicht zuletzt: Immer wieder und vor allem der Furor der Verbraucherinnen und Verbraucher, die es vor allem billig haben wollen, der wie eine fortdauernde Bekräftigung wirkt, ein Verstärker, der das System am Laufen hält.

Das Bullenkälbchen, von dem die Rede war, hat Glück im Unglück: Gnädige Menschen finden sich, die zusammenlegen und eine Aufzucht bei einem befreundeten Biobauern ermöglichen. Es erhält sogar einen Namen: Jonny Roastbeef. Das ist vom System her gedacht höchst ineffizient und es bleibt eine seltene Ausnahme.

„Die Wegwerfkuh“ nimmt landwirtschaftsfremde Leserinnen und Leser an die Hand, aber das Buch mutet ihnen auch ganz schön was zu. Aktives Lesen und Mitdenken sind gefordert. Ordentlich Stoff zum Nachdenken. Eine ergänzende Erläuterung von Fachbegriffen wäre hilfreich gewesen. Der Lohn der Lektüre sind profunde Einsichten in die Komplexität der gegebenen agrarindustriellen Zusammenhänge und in die schmerzhaften wirtschaftlichen Zwänge landwirtschaftlicher Praxis, auch seltene Einblicke in die Nöte von Bäuerinnen und Bauern, die in der „modernen Landwirtschaft“ oft ebensowenig mithalten können wie ihre Tiere.

Das Buch liefert jede Menge stichhaltiger Gründe, warum ein Richtungswechsel in der Agrarpolitik, aber auch in der Ernährung der Gesellschaft dringend nötig ist. Am Ende macht es aber auch Hoffnung und Lust auf die Veränderung, auf die „Farben der Zukunft“, wie Busse es nennt.

Im Januar des Jahres, als Tausende für eine neue Agrar- und Ernährungspolitik hinter dem riesigen Trecker-Konvoi durch die Berliner Mitte zogen, hat niemand gegen Bäuerinnen und Bauern demonstriert, sondern für eine bessere Zukunft für alle. Die Gegendemonstranten, die von der Grünen Woche auf dem Messegelände herübergekommen waren und sich hinter dem Hauptbahnhof versammelten, riefen: „WIR machen EUCH satt!“. Es sollte nach Selbstbehauptung klingen, aber es hörte sich an wie ein Hilferuf. (ut)

 

Busse Wegwerfkuh Cover

Tanja Busse: Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. 288 Seiten, 16,99 Euro, Blessing

Mehr zur Arbeit von Tanja Busse auf der Website der Autorin.

 

 

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