Lebensmittel solidarisch produzieren – wie geht das?

Wie wäre es, wenn Menschen sich zusammenschließen, um in ihrer Region gute Landwirtschaft und die Produktion gesunder, fairer Lebensmittel zu ermöglichen? Nur ein schöner Traum?

Ja, es geht! In verschiedenen Regionen Deutschlands gibt es bereits eine Vielzahl von Projekten und Unternehmen, die sich genau dieses Ziel gesteckt haben: Solidarisch und ökologisch verantwortungsbewußt zu wirtschaften. – Eine Übersicht.

Bürgeraktiengesellschaften

Bekanntestes Beispiel sind vielleicht die Bürgeraktiengesellschaften, die nach dem Modell der Regionalwert AG aus Freiburg arbeiten. Hier stellen BürgerInnen Geld zur Verfügung für die Finanzierung von Betrieben im Ökolandbau oder für den Aufbau alternativer Vertriebs- und Handelsstrukturen in einer bestimmten Region. Das Geld wird langfristig angelegt und das Konzept der Regionalwert-AG sieht strenge Regeln für unternehmerisch tragfähige und ökologisch sinnvolle Investitionen in die regionale Land- und Lebensmittelwirtschaft vor. Regionalwert-AGs gibt es nicht nur in Freiburg, sondern auch im Raum Isar-Inn und in Hamburg. Im Rheinland soll eine weitere AG entstehen. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt auch die Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften in Frankfurt am Main.

Aus Städtern werden Bauen

Ein weiteres Beispiel ist die Genussgemeinschaft Städter und Bauern im Raum München, das bereits vor einigen Jahren von Slow Food ins Leben gerufen wurde. Hier finanzieren BürgerInnen bäuerliche Landwirtschaftsbetriebe und das Lebensmittelhandwerk und erhalten im Gegenzug „Genussrechte“ – ein Begriff, der ursprünglich aus dem Aktienrecht stammt, im konkreten Fall die teilweise Rückvergütung in Naturalien meint, also mit ihrem Geld hergestellte Lebensmittel. Das Netzwerk ist inzwischen weit gespannt und umfasst Erzeugerbetriebe aller Art sowie Einkaufsgemeinschaften in Stadt und Land, die regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt werden. Das Netzwerk organisiert auch Besuche bei den ErzeugerInnen, die die Produkte herstellen.

Solidarische Landwirtschaft

Eine noch engere Verknüpfung zwischen denen, die die Lebensmittel produzieren und jenen, die sie essen, stellt das Modell der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) dar, auch bekannt unter dem englischen Kürzel CSA (Community Supported Agriculture). Vereinsmitglieder finanzieren durch die garantierte Abnahme von Ernteanteilen einen landwirtschaftlichen Betrieb, und sie gehen auch mit ins wirtschaftliche Risiko, wenn etwa eine Traktor-Reparatur ansteht oder die Ernte nicht so gut ausfällt wie erhofft.

Darüberhinaus verpflichten sie sich die Solawi-Mitglieder, auf dem Hof bzw. auf dem Acker mitzuarbeiten. So kommen Bauer und Verbraucher direkt zusammen, lernen einander kennen und den jeweiligen Partner besser verstehen. Über 60 Höfe wirtschaften in Deutschland auf dieser Grundlage, und die Nachfrage steigt. Die bekanntesten Projekte sind der Kattendorfer Hof bei Hamburg, das Kartoffelkombinat bei München oder SpeiseGut in Berlin. Einige Solawis beliefern Food-Assembly-Märkte in ihrer Nähe mit Ernteüberschüssen. In den USA, in Frankreich und in anderen Ländern geht die Zahl der Solawi-Betriebe bereits in die Tausende.

Neue Genossenschaften

Ein noch recht junges Projekt sind die Ökonauten e.G. in Brandenburg. In Ostdeutschland sind die Preise für landwirtschaftliche Flächen in den letzten Jahren u.a. infolge der Spekulation von Finanzinvestoren so exorbitant in die Höhe geschossen, dass junge LandwirtInnen sich eine Betriebsgründung nicht mehr leisten können. Hier setzen die Ökonauten an, indem sie Flächen kaufen und an LandwirtInnen mit einem überzeugenden Betriebskonzept verpachten, damit diese eine Existenz gründen und gute Lebensmittel für Berlin und die Region produzieren können.

Die Ökonauten haben sich in diesem Jahr als Genossenschaft gegründet und bereits einen ersten Landkauf mit einer Betriebsgründung auf den Weg gebracht – eine Walnuss-Plantage auf 4,4 Hektar bei Berlin. Was zunächst etwas exotisch klingt, hat historische Wurzeln: Walnussanbau war früher in der Gegend weit verbreitet, die Böden und das Klima sind günstig. Vivian Böllersen, Absolventin der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, hat genau recherchiert: zwei Weltkriege, in denen die Walnussbäume für Gewehrschäfte abgeholzt wurden, haben den Anbau fast zum Verschwinden gebracht. Und später, in der DDR, hatte man andere Sorgen.

Walnüsse Tasting

Heute sind gute Walnüsse wieder sehr gefragt. Meist kommen sie von weit her, oft aus Übersee. Viele Berliner Manufakturen, die Kuchen oder Feinkost herstellen, würden hochwertige Walnüsse sehr gerne aus der Region beziehen. Vivian hat im Frühjahr mit den ersten Baumpflanzungen begonnen (Foto oben, Mitte). Die Bäume werden aber erst in einigen Jahren den vollen Ertrag bringen. Doch jetzt bereits nutzt die Landwirtin die Fläche zwischen den Bäumchen, um Gemüse und Wildkräuter zu ziehen. Walnüsse, Gemüse und Kräuter passen gut zusammen. Wir hoffen, sie wird bald auch einige der Berliner Food Assemblies beliefern.

Die Ökonauten haben viel vor: Sie wollen deutlich mehr Menschen in Berlin und in der Region für die Mitgliedschaft in der Genossenschaft gewinnen. Zugleich sind neue landwirtschaftliche Betriebsgründungen geplant. Was genau, darf momentan noch nicht verraten werden. Spannend klingt es allemal!

Die Genossenschaft selbst ist eine alte Organisationsform des solidarischen Wirtschaftens, die auf die Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrundert zurückgeht. Sie ermöglicht Transparenz und Mitbestimmung in allen betrieblichen Belangen, unabhängig von der Höhe der Einlage. Wie es aussieht, könnten Genossenschaften als Form bürgerschaftlicher und gemeinwohlorientierter Selbstorganisation in den nächsten Jahren eine neue Blüte erfahren – nicht nur zur Gründung bäuerlicher Betriebe, sondern auch bei der Nahversorgung mit regionalen Produkten und auch im Lebensmittelhandwerk, an Orten, wo es keinen anständigen Bäcker und Metzger mehr gibt.

Die Alternativen sind bereits da!

Auch Food Assembly ist ein Unternehmen, das faire, solidarische Erzeuger-Verbraucher-Beziehungen stiftet. Die Mitglieder unterstützen durch ihre Einkäufe kleine bäuerliche Betriebe und das Lebensmittelhandwerk in ihrer Region. Die Internetplattform ermöglicht Einzelpersonen, Gemeinschaften oder Vereinen, ihren eigenen, lokalen Markt zu organisieren und sich ein Stück unabhängiger von den anonymen Stukturen der Supermarktketten zu machen.

Übrigens: Unternehmen, die solidarisch wirtschaften, nehmen in der Regel auch wichtige Bildungs- und Aufklärungsaufgaben wahr. Besuche auf Höfen, Seminare zur Brot- oder Käseherstellung, Mitarbeit auf dem Acker oder im Gemüsebeet, Verkostungsaktionen oder Angebote für Schulen tragen dazu bei, verloren gegangene Stadt-Land-Beziehungen neu zu knüpfen, das Verbraucherwissen zu stärken und die Wertschätzung von Lebensmitteln zu befördern.

Die wirtschaftliche Bedeutung der vorgestellten Unternehmen mag noch gering sein. Aber die solidarischen Alternativen sind da, sie sind vielfältig, praktikabel und täglich erreichbar. Sie sind praktische „Fenster in eine andere Welt“, wie die Wirtschaftshistorikerin Gisela Notz es nennt. Sie machen im Hier und Jetzt erfahrbar, dass eine andere Art und Weise des Produzierens, Handelns und Konsumierens von Lebensmitteln möglich ist. (ut)

 

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