Diagnose: Antibiotika in unserem Essen

Antibiotika gibt’s auf Rezept aus der Apotheke …und dank der industriellen Landwirtschaft immer häufiger auch im Grundwasser, auf unseren Äckern, in unserem Essen. Dadurch wächst die Zahl multiresistenter Keime – mit fatalen Folgen für unsere Gesundheit.


 

Wenn Antibiotika plötzlich nicht mehr helfen

Antibiotika werden nicht nur bei der Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen, sondern auch in der Nutztierhaltung eingesetzt. Rückstände dieser Antibiotika bleiben in Fleisch, Eiern und Milch. Wer tierische Produkte aus industrieller Landwirtschaft konsumiert, der nimmt so indirekt Antibiotika zu sich – ohne es zu wissen oder zu wollen. Aber ist das schlimm?
 
In unserem Essen haben Medikamente nichts zu suchen. Die Medikamentenrückstände in Lebensmitteln machen uns nicht gesünder, ganz im Gegenteil: Sie stellen eine Gefahr für unsere Gesundheit dar. Denn wo viele Antibiotika zum Einsatz kommen, entstehen auch öfter multiresistente Keime. Das sind Keime, bei denen mehrere Antibiotikagruppen nicht mehr wirken. In Deutschland sterben schon jetzt jedes Jahr 15.000 Menschen an solchen Keimen.
 

In der konventionellen Tierzucht wird Antibiotika auch schon mal vorbeugend ins Futter gemischt.


Die Antibiotika-Flut in unseren Ställen

Auf einem konventionellen Hühnerhof werden bis zu 100.000 Hühner auf engstem Raum gehalten. Da breiten sich Krankheitserreger und Parasiten in Windeseile aus. In manchen konventionellen Betrieben wird daher den Tieren sogar vorbeugend Antibiotika unters Futter gemischt – über 1.000 Tonnen davon jedes Jahr in Deutschland insgesamt. Das ist laut BUND 40 Mal mehr Antibiotika als in deutschen Krankenhäusern zum Einsatz kommt.
 
Und selbst dort, wo Antibiotika nicht vorbeugend, sondern “nur” im Krankheitsfall zum Einsatz kommt, begünstigt die industrielle Landwirtschaft die Antibiotika-Flut: Denn das Hochleistungs-Tierfutter ist so zusammengesetzt, dass die Tiere möglichst schnell möglichst viel Fett ansetzen. Innerhalb von nur 35 Tagen soll ein Küken 20 Kilo wiegen. Das geht zu Lasten der Gesundheit. Die einseitige Ernährung der Tiere verhindert gleichzeitig, dass sie ein intaktes Immunsystem ausbilden können – sie werden schneller krank.
 

Wie multiresistente Keime entstehen

Jedes Antibiotikum tötet gezielt bestimmte Bakterien, vorausgesetzt es wird richtig dosiert und lange genug verabreicht. In der Praxis bleiben aber häufig Keime zurück, die sich an das Antibiotikum gewöhnen, dagegen resistent werden. Geschieht das mit mehreren Antibiotikagruppen, kann ein multiresistenter Keim entstehen, gegen den kein Medikament mehr etwas ausrichten kann. Diese Keime vermehren sich ungehindert und explosionsartig, gerade dort, wo durch regelmäßigen Einsatz von Antibiotika andere Keime kaum noch vorkommen.
 
Wenn über Keime gesprochen wird, die gegen Antibiotika immun sind, ist häufig von MRSA die Rede. Während diese Keime in der Vergangenheit fast nur in Krankenhäusern und auf Grund von mangelnder Hygiene auftraten, stammen sie mittlerweile immer häufiger auch aus der Landwirtschaft: MRSA sind besonders dort verbreitet, wo es intensive Landwirtschaft mit vielen Tieren auf engem Raum gibt.
 

Gülle ist ein Weg, wie Medikamentenrückstände aus dem Stall in die Nahrungskette gelangen.


Die Keime bleiben nicht im Stall

Die multiresistenten Erreger gelangen auf verschiedenen Wegen in den menschlichen Organismus: über die Luft, den Boden und das Wasser. Je höher die Viehdichte in einem Stall, desto höher ist auch die Konzentration von Keimen in der Umgebungsluft. Ein weiterer Risikofaktor ist die Gülle der Tiere, die auf den Feldern als Dünger verteilt wird. Eine Greenpeace-Studie hat jüngst in mehr als der Hälfte der untersuchten Gülleproben multiresistente Keime nachgewiesen. Über den Boden gelangen die Bakterien entweder direkt in unsere pflanzlichen Lebensmittel von diesen Äckern oder ins Grundwasser. Noch können Kläranlagen multiresistente Keime und Arzneimittelrückstände nicht zu 100% entfernt werden.
 

Eine konkrete Gefahr für den Menschen

Statistisch gesehen trägt bereits einer von Hundert Deutschen multiresistente Keime in sich. Auf dem Land, in der Umgebung von Masttieranlagen, ist die Konzentration von MRSA aber wesentlich höher. In einer Studie in Niedersachsen waren etwa 25 Prozent der Personen, die Kontakt mit lebenden Nutztieren hatten, mit MRSA besiedelt. In den Niederlanden gelten daher alle, die in der industriellen Nutztierhaltung arbeiten, als Risikopatienten.
 
Je mehr sich multiresistente Keime ausbreiten, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen an Infektionskrankheiten sterben, weil ihnen kein Antibiotikum mehr helfen kann. Eigentlich harmlose Krankheiten wie Harnwegsinfektion könnten wieder tödlich verlaufen.
 

Reserveantibiotika: Retter in der Not

Für den Fall, dass herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken, gibt es sogenannte Reserveantibiotika. In der Humanmedizin werden sie nur eingesetzt, wenn es um Leben und Tod geht. Diese Notfallmedikamente kommen aber auch in der Tiermast zum Einsatz – immer, wenn es schnell gehen muss. Herkömmliche Antibiotika wirken nämlich erst nach einigen Tagen. Reserveantibiotika wirken sofort.
 
Die industrielle Massentierhaltung ist auf Effizienz ausgelegt. Die Tiere werden von der künstlichen Besamung bis zur Schlachtung nach einem festen Zeitplan gezüchtet. Jeder Krankheitstag bedeutet einen finanziellen Verlust. So garantieren die Reserveantibiotika der Massentierhaltung ihren Profit. Und obwohl die Gefahren allgemein bekannt sind, ist ihr Einsatz vollkommen legal und an der Tagesordnung.
 

Damit die Wirkung von Antibiotika erhalten bleibt, muss ihr Einsatz drastisch gesenkt werden.


Die Wirkung von Antibiotika erhalten

Die Frage ist: Was machen wir, wenn auch die Reserveantibiotika nicht mehr wirken? Ärzte warnen davor, dass immer mehr Antibiotika ihre Wirkung verlieren. Nicht selten müssen Ärzte mehrere Reserveantibiotika verabreichen, bis die Infektion endlich bekämpft wird. Schon heute sterben Menschen, weil sie Infektionen haben, gegen die kein Antibiotika mehr hilft. Um zu verhindern, dass immer mehr Keime resistent werden, muss der Einsatz von Antibiotika zurückgeschraubt werden. Nicht nur beim Hausarzt und im Krankenhaus, sondern auch in unseren Ställen. Experten fordern daher, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung strenger zu regulieren. In Dänemark wurde so die Senkung multiresistenter Keime erreicht.
 

Es geht auch ohne

Die biologische Tierhaltung ist nur selten von multiresistenten Keimen betroffen. Denn Tiere, die ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten werden, sind weniger anfällig für Krankheiten. Während Schweine in industriellen Mastanlagen auf sterilen Spaltböden gehalten werden, sind die Ställe auf Bio-Höfen mit Stroh ausgelegt. Darin befinden sich Keime und Bakterien, die sich gegenseitig im Zaum halten. Eine ballaststoffreiche Ernährung aus Stroh und Gras unterstützt die Tiere außerdem dabei, ein gesundes Immunsystem zu entwickeln.
 
Trotzdem werden natürlich auch Tiere auf Bio-Höfen krank. Aber wie beim Menschen auch, muss nicht jede Infektion sofort mit Antibiotika behandelt werden. Antibiotika kommen hier nur in Ausnahmefällen zum Einsatz, daher ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass multiresistente Keime entstehen.
 

Wir haben die Wahl

Wer Milch und Eier direkt vom Erzeuger kauft, kann sich selbst schlau machen und nachfragen: Wie leben die Tiere im Stall? Was passiert, wenn die Sommergrippe im Stall ausbricht? Wer Bescheid weiß, wie seine Lebensmittel hergestellt wurden, kann viel entspannter genießen. Essen darf keine Risikoveranstaltung sein.
 
Von Alina Stöver, Studentin der Politikwissenschaft und Assistentin in der Kommunikationsabteilung bei Marktschwärmer. Alina liebt gutes Essen und hat dieses Jahr ihren ersten eigenen Gemüsegarten angelegt. Mit ihrem Studium und ihrer Arbeit setzt sie sich für eine nachhaltige Zukunft ein.

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