Was machen die Bienen im Winter?

Die Berliner Stadtimkerin Erika Mayr hält ihre Bienen u.a. auf einem Kraftwerksdach in Berlin-Mitte. Sie ist Autorin des Buchs „Die Stadtbienen. Eine Großstadt-Imkerin erzählt“ und war vor zwei Jahren eine von sechs deutschen BotschafterInnen bei der Expo 2015 in Mailand, die sich dem Thema „globale Ernährung“ widmete. Hier erzählt sie, wie ihre Bienen den Winter verbringen.

Das Leben des Bienenvolkes zeigt sich in den kalten Monaten der Außenwelt nicht. Man kann es nur hören, wenn man sein Ohr an den Bienenstock, die so genannte Beute, legt: Es ist das tiefe Brummen der Bienentraube.

Wenn es draußen nur noch wenige Stunden hell ist, sich die Kräfte der Sträucher und Bäume in den Knospen bündeln, dann ziehen sich auch die Bienenvölker zusammen und bündeln ihre Energie in einer Wintertraube. Dort herrschen 20 Grad Celsius. Die langlebigen Bienen, die im Herbst geschlüpft sind und bis zum Frühjahr leben werden, haben ihre Flügel „ausgehängt“ und bewegen nur noch ihren Körper. So bleiben sie in Bewegung und sorgen gleichzeitig für die ausreichend hohe Temperatur in der Beute.

Was machen die Bienen während der Wintermonate? Die Wintertraube bewegt sich ganz langsam nach oben. So wie das Bienenvolk allmählich nach oben zum Futter wandert, so zieht es auch immer weiter in uns hinauf. Es entzieht sich dem Echten und wird zum Geistigen, wo es den Winter über unsere Gedanken beflügelt.

Von der Lebensweise der Bienen fasziniert, denken wir daran, den Stock in der nächsten Saison noch wesensgerechter zu behandeln. Wir lassen das Jahr in Gedanken Revue passieren und erinnern uns an die unterschiedlichen Entwicklungsstadien des Superorganismus, immer der jeweiligen Witterung angepasst, an unsere Eingriffe, unsere kurzen Begegnungen an der offenen Beute. Wir versuchen die Komplexität des Ganzen zu begreifen.

Die Traube ist empfindlich, deshalb müssen wir Imker/innen für Ruhe am Bienenstand sorgen. Wir behandeln noch einmal gegen die Milbe, wenn es sein muss, und erleben dabei kurz die Bewegung der Traube. Dann ziehen wir uns vom Bienenstand zurück.

Wir können in dieser Zeit getrost in Urlaub fahren – müssen jedoch sicher sein, dass die Waben mottensicher stehen oder das Wachs schon eingeschmolzen haben. Der Honig wird in Gläser gefüllt und verlässt das Honiglager. Manchen Honig behalten wir zurück, weil nicht jedes Jahr ein gutes Honigjahr ist – und wir möchten, dass uns der Honig nicht ausgeht.

Gerade im Winter ist es eine wunderbare Erfahrung, den (eigenen) Honig zu essen. Er stellt immer die Verbindung zu den (eigenen) Bienen her und auch zum Bienenstand der unterschiedlichen Jahreszeiten (Frühling, Frühsommer, Sommer). Die Bienen haben die Stimmung eingefangen und im Honig konserviert. Das schmecken wir – und erwecken Frühjahr und Sommer aus der Erinnerung wieder zum Leben.

Ja, es geschieht mit uns genau das, was die Menschen schon seit Tausenden von Jahren erleben: Der eingefangene Sonnenschein, süß im Geschmack, gesund für Körper und Geist, lässt uns nicht mehr los. Der Summgeist ist mit uns, auch wenn die Stöcke am Stand für sich sind. So wird es noch für 100 Tage sein, dann ist das Frühjahr da. Erst wenn die ersten Sommerbienen schlüpfen, werden wir wieder die Beuten öffnen und mit dem Bienenvolk sein.

Wir können Honig aus der ganzen Welt kaufen – oder Honig aus unserer Region. In jedem Glas Honig steckt die Bestäubungsleistung des Bienenvolkes. Jeder Honig ist ein Sinnbild der Landschaft, in der er gemacht wurde; Dort wurden die Blüten bestäubt, dort können sie sich vermehren, dort blüht es. Mit dem Kauf eines Glas Honigs unterstützen wir diese Leistung.

In Berlin gibt viele Imker/innen, die köstlichen Honig ernten. Die Baumtracht der Stadt ist einzigartig – das kann man in allen Bezirken schmecken. Untersuchungen im Jahr 2014 haben gezeigt, dass sich die Innenstadthonige im „grünen Bereich“ bewegen, unterhalb der angesetzten Schadstoffgrenze. Außer Wasser dürfte es kaum ein Lebensmittel geben, das so niedrige Schadstoffwerte hat.

Der Geschmack der verschiedenen Trachten in Berlin lässt sich so beschreiben: Würziger Nektar von der Rosskastanie im Frühling, danach kommt lieblicher Nektar von der Robinie und im Sommer kräftiger Nektar von der Linde und vom Götterbaum. Jedes Jahr schmeckt der Honig anders, weil kein Jahr dem Vorigen gleicht. Auch die Erntemengen sind nicht gleich: Unterschiedliche Entwicklungen der Bienenvölker und wechselnde Nektarmengen, die Wetterlage und der mögliche Zeitaufwand der Imkerei beeinflussen Geschmack und die Menge an Honig. Natürlich gehört auch etwas Glück dazu.

Wir sind gespannt auf das nächste Jahr.

Stadtimkerin Erika Mayr

 Fotos: Uli Strempel, Michael Danner

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